BAD AACHEN 12-2017

6 | B AD A ACHEN 12/17 KULTUR Unvergängliche Liebe Ewa Teilmans inszeniert Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ für das Theater Aachen. B AD A ACHEN -Redakteurin Maria Pakura sprach bei einem Probenbesuch mit ihr und Dirigent Karl Shymanovitz über den zeitlosen Stoff. W ie auf einem Präsentierteller sticht die blasse Schönheit in ihren fast durchscheinenden Röcken, die ihre angeschlagene Gesundheit unterstreichen, aus der Herren-Menge hervor. Als würde allein die Tatsache, eine begehrenswerte Frau zu sein, sie schon brandmarken. Genau dieser Eindruck ist die Intention, die Regisseurin Ewa Teilmans mit dem Produktionsdesign für La Traviata verfolgt. Die Kurtisanen Violetta und Flora sind paradigmatisch aus- schließlich von männlichen Charakteren umgeben, die Kulisse ist eine geneigte Scheibe, deren einziger Schmuck stilisierte Kamelien sind. „Das soll uns aber auch an ein Ziffernblatt und somit die Zeit erinnern, die der sterbenskranken Violetta davonläuft“, sagt Teilmans. Sie hält die Geschichte von Giuseppe Verdis weltberühmter Oper, die an Alexandre Dumas‘ Kameliendame angelehnt ist, für zeitlos aufrüttelnd. „Die Kurtisane von damals ließe sich mit heutigen Escort-Girls übersetzen, die ebenso ihre Schönheit, Anmut, Intelli- genz vermarkten“, sagt sie. Und da Verdi die Krankheit – bei Dumas Tuberkulose – nicht namentlich spezifiziert, lässt auch das Interpre- tationsspielraum. „Denken Sie an Frauen wie Amy Winehouse, die stark in der Öffentlichkeit stehen, dem Druck mit Süchten begegnen und daran zerbrechen“, deutet sie an, welche Beispiele sie vor Augen hatte, als sie die Neuinszenierung für das Theater Aachen anging. Der Pulsschlag des Universums Eine Aussage, die sich ob der Bedeutungsdichte von Darstellung, Musik und Inhalt erst auf den zweiten Blick erschließt, kritisiert die nach wie vor im Alltag nicht erreichte Gleichberechtigung: Während sich kaum einer daran aufhält, wie sehr Männer beim Feiern über die Stränge schlagen, schädigt das gleiche Verhalten den Ruf einer Frau. „Darum der optische Männerüberschuss“, will die Regisseurin das den Zuschauern vor Augen führen. Was ihr aber noch viel mehr am Herzen liegt, ist eine Botschaft für ebenjenes: das Herz. „Liebe ist der Pulsschlag des Universums“, zitiert sie aus La Traviata und erläutert, warum das dem tragischen Ende zum Trotz die höchste Relevanz hat: „Da ist Violetta, die zunächst nicht an die Liebe glaubt. Alfredo wiederum hat nichts gemein mit der Gesellschaft, in der sie sich bewegt. Und doch entgegnet er eben jenen Satz, als sie seine Romantik infrage stellt. Das ist es, was sie Intensive Proben – gute Stimmung: Ewa Teilmans (M.) arbeitet eng mit allen Akteuren zusammen. Foto: A. Schmitter

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