BAD AACHEN 03-2020

6 | B AD A ACHEN 03/20 JUBILÄUM Europa ganz machen Auszeichnung, Ermutigung, Kritik, Mahnung – der „Internationale Karlspreis zu Aachen“ hat viele Gesichter. Vor 70 Jahren gründeten Bürger der Stadt eine Gesellschaft zu seiner Verleihung. D er Karlspreis wird 70 Jahre alt. Am 14. März 1950 wurde die Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen von einem Kreis Aachener Bürger um den Textilkauf- mann Dr. Kurt Pfeiffer gegründet. Sie wollten an einer friedlichen Gestaltung Europas mitwirken. Pfeiffer brachte die Stiftung eines Aachener Europa-Preises ins Spiel. Mit Erfolg: Die erste Mitglieder- liste nennt 100 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kirche, Hochschule und Stadtverwaltung. Der Internationale Karlspreis zu Aachen , der ebenfalls 1950 erstmals vergeben wurde, ist der älteste Preis, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet werden, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Für B AD A ACHEN sprach Bernd Mathieu mit dem Vorsitzenden des Karlspreisdirektoriums, Dr. Jürgen Linden. B AD A ACHEN : Welcher Preisträger war für Sie herausragend? Linden: Ich bin seit 1989 dabei. In dieser Zeit bis heute war für mich der am meisten herausragende Karlspreis der an Vaclav Havel. Er war Dissident, Freiheitskämpfer, jemand, der für seine Überzeugungen in Gewahrsam und im Gefängnis war, der nicht nur Politik verkörperte, sondern auch die gemeinsame europäische Kultur. Deshalb steht er für mich an allererster Stelle. Auch der Preis für Emmanuel Macron hatte 2018 eine hohe Bedeutung mit der Botschaft, notwendige Reformen in Europa zu verkünden. Nach Jahren der Krise brauchen wir diese Reformen dringend. B AD A ACHEN : Gab es Persönlichkeiten, die den Karlspreis verdient gehabt hätten, ihn aber nie bekommen haben, etwa Willy Brandt, Michail Gorbatschow, Hans-Dietrich Genscher? Linden: Diese drei, und ich könnte noch 20 Namen hinzufügen, von dem Portugiesen Mário Soares über den Spanier Adolfo Suárez bis zu Kulturschaffenden wie José Ortega y Gasset. Sie alle waren karlspreiswürdig . Ich weiß aus Protokollen des Archivs, dass der Name Willy Brandt nie auftaucht, während Genscher und Gorbatschow oft im Direktorium diskutiert wurden. Bei Letzterem spielte vielleicht eine Rolle, dass er schon so viele andere Auszeichnungen bekom- men hatte, bei Genscher waren es überholende Ereignisse in Europa, etwa die Osterweiterung mit der Auszeichnung von Horn und Havel oder der Maastrichter Vertrag mit dem Preis für Jacques Delors. B AD A ACHEN : Hat jemand den Karlspreis bekommen, der ihn nicht verdient hatte? Es gab 1987 den Streit um Henry Kissinger. Linden: Ich drücke es diplomatisch aus: Es gab immer gute Gründe, jemanden auszuzeichnen. In vergangene Diskussionen will ich mich nicht als der Oberkritiker einmischen. B AD A ACHEN : Fallen die meisten Entscheidungen einstimmig? Linden: Wir hatten ganz knappe Entscheidungen mit nur einer Stimme Mehrheit. Doch es kam dabei nie zum Streit im Direktorium. Alle stellten sich am Ende einmütig hinter die Entscheidung. Ehre für Europäer: Dr. Jürgen Linden verbindet Tradition mit Zeitgeist. Foto: Bernd Mathieu B AD A ACHEN : Wie fasst man den Geist dieses Preises in wenigen Sätzen zusammen? Dr. Jürgen Linden: Er ist der bedeutsamste politische Preis in Europa – das stammt nicht von mir, sondern ist ein Satz von Helmut Kohl, den viele andere bekannte Europapolitiker wiederholt haben. Der Karlspreis ist neben der Auszeichnung immer auch eine Ermutigung, Kritik, Mahnung. Er verfolgt zu unterschiedlichen tagespolitischen Themen das Ziel der europäischen Integration, gerade in Zeiten, in denen die EU von vielen angegriffen wird. B AD A ACHEN : War er denn meistens Ermutigung oder eher die Würdigung schon vorhandener Leistungen? Linden: In den Anfangsjahren war er eine Auszeichnung für Geleis- tetes, aber schon die Verleihung an Jean Monnet war eine Ermuti- gung für das Kerneuropa. Die Auszeichnung von Walter Hallstein war eine Bestärkung, die europäischen Institutionen auszubauen. Später, bei Gyula Horn oder Vaclav Havel, ging es darum, Europa durch Erweiterung und Vertiefung zu einem Ganzen zu machen. 2020: Der Präsident von Rumänien, Klaus Johannis, nimmt an Himmelfahrt, 21. Mai, den Karlspreis entgegen. Foto: A. Herrmann 1950: Richard N. Graf Coudenhove-Kalergi erhielt für die Europäische Parlamentarier- Union den ersten Preis. Foto: Stadt AC/Herrmann

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