BAD AACHEN 10-2023

26 | BAD AACHEN 10/23 KULTUR „Theater als ein Ort für alle“ Mitte Oktober eröffnet „Hamlet“ die Schauspielsaison im Großen Haus des Theaters Aachen. Dramaturgin ist die neue Schauspielleiterin Kerstin Grübmeyer. BAD AACHEN-Autorin Sabine Rother stellt sie vor. Die Ideen sprudeln, Kerstin Grübmeyer (Foto) geht leidenschaftlich gern auf Menschen zu, entwickelt im Gespräch mögliche Projekte. Denn so sieht sie Theater in einer Stadt: ein Ort des Miteinanders, an dem man einander ergänzt, sich Lebenswelten verbinden und Neues entsteht. Grübmeyer leitet ab sofort das Schauspiel am Theater Aachen. Sie hat einen spannenden Weg hinter sich, bringt viele Erfahrungen mit. Sie studierte zunächst Theaterwissenschaft und Germanistik in Berlin und hat eine berufsbegleitende Weiterbildung für Theater- und Musikmanagement an der Universität München und der Theaterakademie August Everding durchlaufen, stand selbst auf der Bühne, arbeitete als Schauspieldramaturgin in Heidelberg, Karlsruhe und am Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen. Bis Oktober 2022 war sie als Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin des Schauspiels am Nationaltheater Mannheim engagiert. Dort bereits entdeckte sie ihre Leidenschaft für das partizipative Theater, eine Form der Theaterarbeit, bei der es um den kreativen Austausch zwischen Bühne und Menschen geht, die Verflechtung von Ideen. „Wir haben einander viel zu sagen“, betont sie. „Es ist mir wichtig, hier eine neue Offenheit und dabei ein größeres Verständnis füreinander zu entwickeln.“ Von Mannheim nach Aachen. Die Stadt hat sie für sich Schritt für Schritt entdeckt. „Anfangs geht man nur die Strecke von der neuen Wohnung zum Theater und zurück“, erinnert sie sich. „Dann habe ich mich richtig umgesehen, bin neue Wege gegangen.“ Sie besucht das Theater, sieht nahezu alle Ensemblemitglieder in Aktion, erfährt, wie das Publikum reagiert und erkundet die Spielstätten – etwa das Mörgens, das mit dem Intendanzneustart zum Spielraum für alle wird – Stichwort Partizipation. Eines der ersten Projekte im Mörgens sind die Magic Monsters, ein Theaterprojekt mit Kindern und Jugendlichen von Regisseur Dominic Friedel, das am 18. und 24. November im Mörgens zu sehen sein wird und im Januar ebenfalls an zwei Terminen. Gratwanderung? Gern! Sinnliches, intelligentes, politisches Theater für die Stadt – ein Vorhaben, das sie unter anderem mit der Uraufführung House of Karls: Ein gar ergetzliches Rap-Spectaculum über Karl den Großen (Premiere am 30. März) umsetzen möchte. Das Rap-Trio Dlé sorgt dabei für entsprechend freche Texte und Rhythmen. Kerstin Grübmeyer ist offen für nahezu alles, hat keine Angst vor Gratwanderungen, im Gegenteil. Ein Projekt, bei dem das eine Rolle spielt, ist die Uraufführung Das Leben ein Clown von Charlotte Lorenz und Jakob D’Aprile (Premiere 9. Februar). Eine Gruppe von Clowns wird zu Stars einer Realityshow und kämpft um die eigene Relevanz. „Clowns sind nicht nur bunt und witzig, sie ängstigen manche Leute, als Horrorclowns, und sie waren einst anarchische Figuren – was bedeuten sie uns heute?“, fragt Kerstin Grübmeyer. Auch wenn William Shakespeares Tragödie Hamlet diesen Monat auf die Bühne kommt (Premiere am 14. Oktober), überlegt die Leiterin des Schauspiels, die hier auch als Dramaturgin agiert, gemeinsam mit Regisseur Laurent Chétouane und dem Ensemble, wie der 400 Jahre alte Text in der Gegenwart zu uns spricht. „Es gibt so viele Lesarten“, meint Kerstin Grübmeyer „bei uns steht die komplexe und wunderbare Sprache im Zentrum.“ Bei allem spielt der politische Aspekt mit, der in allen Sparten durch eine Frage aufgeworfen wird: Wer ist Europa? Ein Stadtensemble schaffen Einige ihrer berührendsten Theatererlebnisse hatte Kerstin Grübmeyer mit partizipativen Projekten, in denen die Nicht-Profis auf der Bühne stehen. „Das sind beglückende Momente, mit denen ich nie gerechnet hätte“, betont sie und freut sich darauf, mit Intendantin Elena Tzavara und dem gesamten Team das Theater Aachen „für alle zu öffnen“. Das Theater der Zukunft ist ihr Thema. Man darf gespannt sein, was da noch alles kommt.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTM5Mjg=