BAD AACHEN 02/2026

26 | BAD AACHEN 02/26 BILDUNG Spannende Bildungsreise Die vhs Aachen wird 80 Jahre alt und feiert den Blick zurück mit einem neuen Semesterprogramm, das an Aktualität nichts zu wünschen übrig lässt. Dr. Beate Blüggel im BAD AACHEN-Gespräch mit Sabine Rother. Demokratie leben und achten, Rassismus und Antisemitismus ablehnen, Andersdenkende im Sinne von Toleranz akzeptieren: Nicht erst die Volkshochschule (vhs) der Gegenwart pflegt diese entscheidenden Themen. Als 1946 – vor genau 80 Jahren – die vhs Aachen ihre Arbeit aufnehmen darf, stehen eben diese Stichworte ganz oben auf der Liste des Vorlesungsprogramms, das im bescheidenen graugrünen Heftchen erscheint – nicht wie heute als Druckwerk oder Onlinedatei mit üppig buntem PlakatDeckblatt. „Es ist ganz erstaunlich, wie ähnlich die Grundsätze geblieben sind“, sagt Dr. Beate Blüggel, Leiterin der vhs. „Wir stellen fest, dass grade angesichts des aktuellen politischen Klimas Diskussionen zu kontroversen Themen so wichtig wie eh und je sind.“ Zugleich staunt sie über eine von Anfang an fortschrittliche Prägung und die Erkenntnis, wie wichtig das Miteinander von Menschen ist – egal, ob sie eine Sprache erlernen, sich mit bürgerlichem Recht, Malen, Theater, Film oder Geschichte beschäftigen. Den Bildungshunger stillen 1946 – der Krieg ist gerade beendet, man lebt in zerstörten Städten wie Aachen, wo sich 6000 Einwohner während der Zwangsevakuierung versteckt halten. Die Zahl steigt im gleichen Jahr auf 100000 Menschen. Sie alle sehen einem Winter mit Not und großer Kälte entgegen. Dennoch rührt sich nach der Nazi-Diktatur großer Bildungshunger. „Man hat es den Menschen quasi abtrainiert, eine Meinung zu haben, es war sogar gefährlich. Deshalb ist das erste Programm mit einem Themenkomplex zu Weltanschauung und Soziologie so beeindruckend“, betont die vhs-Leiterin. Kurse gibt es im Bereich der Technischen Hochschule im Reiffmuseum an der Schinkelstraße, im Vorlesungsraum des Suermondt-LudwigMuseums, in der Stadtbücherei und in Schulen. Angeboten werden Sprachen, Philosophie, Strafrecht, aber auch Gärtnern mit einem Gartenmeister, der Tipps für Aachener mit Schrebergärten hat, mit einem Bühnenbildner aus den Werkstätten des Theaters und sogar mit dessen Oberspielleiter. Das Veranstaltungsprogramm für das erste Semester 2026 antwortet mit zahlreichen Angeboten auf den Aachen-Start 1946 und hat das Motto gewählt: 80 Jahre – ein bisschen mehr Wir. Den Auftakt bildet die Eröffnung einer Ausstellung zum Jubiläum am 20. Februar, 18 Uhr, im Foyer. Sie dokumentiert die zentrale Entwicklung der acht Jahrzehnte – von der frühen Nachkriegszeit bis zur Gegenwart. Das kleine graugrüne Heft mit dem ersten Programm wird in einer Vitrine zu sehen sein, Dokumente, Erinnerungen an eine Zeit des Aufbruchs mit Sätzen wie „Das allmähliche Werden neuen Staatslebens auf dem Trümmerfeld des Deutschen Reiches geht uns alle an.“ Der Blick zurück zeigt Parallelen. Was heute Alphabetisierung heißt und Menschen zusammenführt, die schulisch irgendwann durch das Raster des Bildungssystems gefallen sind, ist damals sogar noch etwas selbstverständlicher. „Durch den Krieg konnten viele junge Leute Schulzeit oder Ausbildungszeit nicht absolvieren“, betont Dr. Blüggel. „Auch bei uns gibt es noch immer viele Gründe, warum das geschieht.“ Selbst Freies Sprechen ist ein begehrter Programmpunkt. Einige Zeit später – in den 1970er-Jahren – setzt ein System ein, das es ermöglicht, Schulabschlüsse nachzuholen. Frauen, Gesundheit, Fortschritt 1946 wird zudem am neuen Frauenbild gearbeitet – das Programm dokumentiert eine Frauenecke, verkündet, man wolle das Bild der Frau von Schlacken reinigen, bringt sie in Verbindung mit einer Welt, die den Neuaufbau braucht. Dennoch: Der nächste Punkt auf der Liste ist Aus Alt mach Neu: Nähen, Flicken, Stricken, Sticken und Basteln. Und hier staunt selbst die vhs-Leiterin. „Wenn wir heute etwas wie Upcycling anbieten, entspricht das genau diesem Kursangebot.“ Eine Erweiterung ist die Frauenbildungswoche vom 2. bis zum 8. März. Gesundheitsfragen? Sie füllen heute wie damals die Programmseiten, wobei man 1946 Empfehlungen unter dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe gibt und den Kurs Bevor der Arzt geholt wird nennt. „So einfach war es nicht, einen Arzt zu bekommen“, erklärt Beate Blüggel. „Außerdem sollte die Ausbreitung von Seuchen verhindert werden.“ Bittere Nachkriegsrealität ist sicherlich der Kurs Wie man einem Kriegsversehrten hilft. 80 Jahre vhs – eine spannende Zeitreise durch die Bildungsgeschichte, bei der klar wird: Als vielfältiges Bildungszentrum bietet die vhs Aachen in einer zunehmend komplexen Welt umfangreiche Angebote – für ein bisschen mehr Neugier, Wissen, Teilhabe und Selbstbestimmung, in allen Bereichen des Lebens. AUSSTELLUNG & PARTY Zu ihrem besonderen Geburtstag lädt die vhs Aachen am Freitag, 20. Februar, 18 Uhr, zu einer Jubiläumsausstellung mit anschließender Party in die vhs, Peterstraße, Foyer, 2. Etage, ein. Die Ausstellung macht zentrale Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte sichtbar – von den frühen Nachkriegsjahren bis heute. In entspannter Atmosphäre stehen gemütliche Gespräche, Austausch und gemeinsames Feiern im Mittelpunkt – ein Abend, der Vergangenheit und Zukunft der vhs Aachen auf besondere Weise verbindet. Die Ausstellung läuft bis zum 19. April 2026. www.vhs-aachen.de In Feierlaune: Dr. Beate Blüggel. Foto: vhs Aachen

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