6 | BAD AACHEN 02/26 KULTUR Falsches Timing? Unerwiderte Liebe, Eifersucht und ein tödliches Duell – Tschaikowskys Oper Eugen Onegin am Theater Aachen als ein berührendes Drama junger Menschen. Der Komponist Piotr I. Tschaikowsky wollte mit Eugen Onegin eine Oper schaffen, die unter die Haut geht. Nicht mit Figuren aus fernen Ländern oder Märchenwelten, sondern mit alltäglichen Menschen. „Ich suche ein intimes Drama, das auf Konflikten beruht, die ich selber erfahren oder gesehen habe, die mich im Innersten berühren können“, wie er später an seinen ehemaligen Schüler Sergej Tanejew in einem Brief schreiben sollte. Diese entwaffnenden Gefühle und zwischenmenschlichen Dramen fand er in Alexander Puschkins Versroman Eugen Onegin wieder – Emotionen, die auch heute das Stück aktuell erscheinen lassen, was Regisseurin Verena Stoiber in ihrer ersten Inszenierung am Theater Aachen bewusst verstärkt. Die Kostüme von Clara Hertel rücken die Figuren ins späte 20. Jahrhundert, „denn es geht vor allem um Liebe und verschiedene Arten von Beziehungen wie Freundschaft, Familie und Partnerschaft“, so Stoiber, „Themen, die uns bis heute sehr nahegehen und immer aktuell sein werden.“ Den Kern der Oper bilden vier junge Menschen, die gemeinsam einen Sommer auf dem Land erleben: Der junge Dichter Lenski und die lebenshungrige Olga sind ein Paar. Für Olgas Schwester Tatjana, die sich lieber in ihre Bücher flüchtet, ändert sich alles mit einer folgenreichen Begegnung: Lenski stellt ihr seinen Freund und Nachbarn Eugen Onegin vor. Für Tatjana ist es Liebe auf den ersten Blick. Noch in derselben Nacht schreibt sie Onegin einen leidenschaftlichen Brief und gesteht ihm ihre Liebe. Doch der saturierte, von allem gelangweilte Lebemann weist sie zurück. Mehr noch: Bei Tatjanas Fest zum Namenstag bringt Onegin auch seinen besten Freund Lenski gegen sich auf, indem er mit Olga tanzt. Die Situation eskaliert und Lenski fordert Onegin zum Duell auf. Im Morgengrauen, am Fuße einer Mühle, stirbt Lenski dann durch die Kugel seines Freundes. Ein Duell – und das Davor & Danach Das tödliche Duell steht nicht nur im Zentrum der dreiaktigen Oper, es bildet den Ausgangspunkt der gesamten Aachener Inszenierung. „Onegin ist traumatisiert von der Tatsache, dass er eine ihm sehr nahestehende Person im Duell umgebracht hat. Dieses Erlebnis hat sein Leben für immer verändert und lässt ihn natürlich nicht los“, so Verena Stoiber weiter. Aus dem Ort des Duells leitet Clara Hertel daher ihren Bühnenraum ab und intensiviert damit das Gefühl, dass es eine Zeitrechnung des Davors und des Danachs gibt. Doch wie konnte es überhaupt zum Duell kommen? „Ist Onegins kurzer Flirt mit Lenskis Freundin Olga auf einer Party wirklich ausreichend oder steckt da vielleicht noch mehr dahinter? Wir finden gerade bei den Proben heraus, wie kompliziert diese Beziehungsgeflechte wirklich sind und wer am Ende wen liebt bzw. sich traut, sich seine Zuneigung einzugestehen. Vielleicht interessieren sich Lenski und Onegin mehr als nur freundschaftlich füreinander, vielleicht ist Tatjanas plötzliche Liebe zu Onegin mehr Projektion als Wirklichkeit.“ Im 3. Akt dreht es sich um: Nach rastlosem Herumirren trifft Onegin Jahre später wieder auf Tatjana, die inzwischen verheiratet ist und ein neues Leben begonnen hat. Onegin gesteht ihr aus dem Nichts heraus seine Liebe und wird dieses Mal von ihr zurückgewiesen. Ist es nur schlechtes Timing oder muss Onegin letztlich erkennen, dass sich Vergangenes nicht ändern lässt? Tatjana: Larisa Akbari Onegin: Jorge Ruvalcaba Fotos: Matthias Baus
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