4 | BAD AACHEN 07/26 STADTHISTORIE Zum Ferienprogramm gehört ein Bummel durchs Städtchen. Die Öcher Altstadt bietet Flair, Einkehrmöglichkeiten und schöne Geschäfte. Ein zweiter Blick auf die historischen Fassaden offenbart Erstaunliches: Sehen wir Altes oder Neues? QR-Codes an einigen Häusern erzählen ihre Geschichte. Von Sabine Mathieu „Peter, was sollen wir mit all den Steinen?“ „Wir müssen sie bewahren, Irene, sie erzählen Aachener Geschichte. Ich habe sie vor dem Müll gerettet.“ Etwa so könnte ein Dialog zwischen Peter und Irene Ludwig stattgefunden haben, nachdem Anfang der 1950er-Jahre immer häufiger Zierelemente und sogar ein Laubengang aus der Aachener Altstadt zum Haus des berühmten Sammlerehepaares an der Eupener Straße geliefert worden waren. Irene Ludwig erzählte uns die Geschichte vor vielen Jahren, immer noch mit einem Lächeln und mit einem Fingerzeig auf die zahlreichen Objekte in ihrem Garten. Wer heute die Bilder des zerstörten Aachens sieht, erkennt kaum eine Ecke wieder. Dom und Rathaus bieten zwar Orientierung, aber die Häuser sehen jetzt völlig anders aus. Die meisten waren bei der Kapitulation Aachens im Oktober 1944 so zerstört, dass sie nicht mehr bewohnt werden konnten. Die heutige Altstadt ist eigentlich eine Neustadt. Die Wiederherstellung des Altstadtflairs gelang den Aachenern mit einem Trick: Das Zauberwort heißt Translozierung. Hier werden alte Gemäuer in neue Gebäude integriert. Meist ist die Fassade alt, der Bau dahinter jedoch neu errichtet. In Aachen hat man diese Art kulissenschiebender Sanierung bis zum Ende der 1970er-Jahre genutzt. Ein markantes Beispiel ist die Fassade eines 60er-Jahre-Baus am Puppenbrunnen an der Krämerstraße. Wo seit Kurzem edle Uhren im Schaufenster zu bewundern sind, wurde dem neuen Haus eine Fassade im Stil des Neoklassizismus vorgesetzt. Gut zu erkennen ist, dass der Bauherr die Fenster des Neubaus der alten Fassade perfekt angepasst hat. Gleichzeitig ist hier die Translozierung sichtbar. Man kann sehen, dass die Fassade nicht mit der Hausecke abschließt. Das alte Haus stand ehemals an der Peterstraße, die zum Vorteil des zunehmenden Straßenverkehrs nach dem Krieg verbreitert wurde. Wenn Fassaden wandern Mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist wenige Meter weiter am Hof Nr. 9 die Translozierung am Haus des damaligen Stadt- und Dombaumeisters Leo Hugot. Der Neubau wurde auf den Resten des mittelalterlichen Blasius-Spitals erbaut. Davon sind im Keller des heutigen Hauses noch die Waschrinnen erhalten. Darüber entstand das neue Haus mit einer alten Fassade. „Auf der einen Seite wollte man damals an alter Architektur und dem ursprünglichen Stadtgrundriss festhalten, auf der anderen Seite aber auch neue, moderne Bauweisen einbringen“, sagt Stadtkonservatorin Monika Krücken zur Motivation unserer Vorfahren, diese Art des Wiederaufbaus zu wählen. Interessant: Den QRCode am Haus kann man scannen, um mehr zu erfahren! Ebenfalls am Hof, hinter der Kopie des römischen Portikus, überrascht uns ein Dreiklang von Altstadthäusern. Der Domkeller hat sich historisierend der alten Substanz angepasst; er wurde im klassischen Steinfachwerk erbaut und überlebte das Kriegsinferno weitgehend. Das Haus daneben ist auf den zweiten Blick als historisierender Neubau mit Fenstern im Couven-Stil zu erkennen, während das Zweifensterhaus am Ende der Gruppe eine neoklassizistische Fassade hat, die transloSpurensuche in der City Krämerstraße/Ecke Hof Foto: Stadt Aachen/Olaf Rohl Hof 9 Foto: Stadt Aachen Hof 1 Foto: Stadt Aachen/Olaf Rohl
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