Kampagnenzeitung

2 Ist das noch Handwerk? Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) Professor Peter Wippermann ist Gründer der Trendforschungsagentur Trendbüro. Das Hand- werk kann Zukunft gestalten Digitalisierungwirkt sich auf alle Gewerke aus A ls ZDH-Generalsekretär ver- tritt Holger Schwannecke die Interessen von einer Million Handwerksbetrieben in Deutschland mit mehr als 5,4MillionenBeschäftigten, rund 360.000 Auszubildenden und einem Jah- resumsatz von über 560 Milliarden Euro. Im Interview erklärt er, wie sich einer der ältesten Wirtschaftsbereiche immer wie- der neu erfindet und weiterentwickelt. Was bedeutet für Sie modernes Hand- werk? Mit steigender Komplexität von Tech- nik und digitalen Anwendungsmöglich- keiten in vielen Bereichen des Lebens wandelt sich auch das Handwerk. Immer stärker digitalisiert werden betriebsinter- ne Abläufe sowie auch die Interaktion mit Lieferanten, Kooperationspartnern und Kunden. Die Kunden, privat und ge- werblich, haben heute neue Erwartun- gen an Produkte, Dienstleistungen und Kommunikation. Darauf reagiert das Handwerk mit neuen Techno- logien, digitalen Anwendungen und neuen Materialien. Handwerkerin- nen und Handwerker setzen aber auch eigene, zukunftsweisende Impulse, probieren neue Verfahren aus, bringen In- novationen hervor und entwickeln diese bis zur endgültigen Marktreife. Sie geben sich nicht mit einem „gut“ zufrieden, son- dern holen stets das Optimum heraus. Zur Einordnung: Herr Professor Wip- permann, was genau macht ein Trend- forscher? Die Trendforschung kommt ursprüng- lich aus den USA und befasst sich vor allem mit dem Wandel der Gesellschaft. Ich beobachte kontinuierlich soziale und technologische Veränderungen: vom Alter der arbeitenden Bevölkerung über ihre Lebenseinstellungen bis hin zu neuen digitalen Technologien. Daraus leite ich ökonomische Prognosen ab. ZDH-Generalsekretär Experten-Interview W ie beeinflussen Digitalisierung und Automatisierung das Handwerk? Trendforscher Professor Peter Wippermann hat es sich angeschaut – und erklärt, dass das Handwerk auch den genauen Gegentrend prägt. Sie haben im Auftrag der Internationa- len Handwerksmesse (IHM) eine Trend- landkarte für das Handwerk entwickelt. Was steckt dahinter? In der sogenannten Trendmap Hand- werk reduzieren wir die zahlreichen möglichen Veränderungen auf wenige Hauptaspekte des Wandels, damit Hand- werksunternehmer eine Orientierung be- kommen und leichter handeln können. Wir zeigen auf, was die Entwicklungen für Unternehmer und Mitarbeiter bedeu- ten. Beispiel Digital Education: On-De- mand-Learning ermöglicht es Mitarbei- tern, Spezialwissen online genau dann abzurufen, wenn sie es brauchen. Das ist im Zweifel direkt am Auftragsort. Dafür muss der Betrieb seineMitarbeiter mit der notwendigen Technik und einem Inter- netzugang ausstatten. Können Sie uns einen Einblick in die wichtigsten Trends geben? Es gibt vier große Trends, die Einfluss auf das Handwerk haben werden: Auto- mation, Networking, Markenbildung und Engagement. Technologisch ist vor allem dieDigitalisierung von Prozessen relevant. Stichworte: Fernsteuerung und Robotik. Wie geht das Handwerk mit diesen Ent- wicklungen um? Das Handwerk ist in der Situation, dass die Nachfrage größer ist als das Angebot. Die Betriebe sind so ausgelastet, dass sie Innovationen nur langsam einführen können. Doch die Digitalisierung wirkt sich auf alle Gewerke aus und fordert auch andere Management-Tätigkeiten. Die Betriebe müssen ihre eigene Wertschöp- fungskette rund um die Themen Techno- logie und Personal steigern. Sie müssen qualifizierte Mitarbeiter auf sich aufmerk- sam machen und parallel das Unterneh- men umgestalten. Welche gesellschaftlichen Trends sind für das Handwerk relevant? Die Menschen bewegen unter ande- rem die Themen Selbstoptimierung und Selbst-Coaching – also die Arbeit an sich selbst –, aber auch Entschleunigung und die Rückbesinnung auf Natur und Fami- lie. Nicht umsonst steigt das Interesse an Produkten aus Naturmaterialien. Welche Trends entwickeln sich im Handwerk selbst? Zwar wird das Handwerk durch die Automatisierung selbst immer techno- logischer, digitaler und maschineller. Es prägt aber auch den genauen Gegentrend: Die klassische Handwerkskunst mit ihrem Unikat-Charakter, für den menschliche Fertigkeiten essenziell sind, liegt vor allem im Luxusbereich im Trend. Die Hand- werkskunst feiert ein Comeback und be- einflusst auch andere Branchen. Wenn immer mehr Technik und digitale Anwendungen in das Handwerk Einzug halten, verschwinden dann nicht die Grenzen zur Industrie? Die Stärken des Handwerks liegen in der engen Beziehung zum Kunden und in individuellen Lösungen. Wenn das Handwerk smarter, digitaler und vernetz- ter wird, bedeutet das lediglich, dass das Handwerk in Zukunft noch schneller und flexibler auf Kundenwünsche eingehen kann. Kurzum: Die Stärken, die das Hand- werk schon immer auszeichnen, wird es in Zukunft noch besser ausspielen können. „Das Handwerk hat goldenen Boden“ – gilt das auch in Zukunft? Das Handwerk ist bestens dafür ge- rüstet, die Zukunft nicht nur zu meistern, sondern aktiv zu gestalten. Bewährtes mit Neuem bestmöglich zusammenzufüh- ren. Die Basis dafür schafft das hervorra- gende duale Ausbildungssystem, um das wir nicht umsonst international beneidet werden. Handwerker haben die fachliche und unternehmerische Expertise, genau zu wissen, was sie tun. Dafür sorgt unser Aus- und Weiterbildungssystem mit dem Meister als Spitzenqualifikation.

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