Kampagnenzeitung

Ist das noch Handwerk? 5 Die Inspirationen ihrer Reisen wendet Tischlermeisterin Johanna Röh im eigenen Betrieb an. Warum Internationalität imHandwerk Zukunft hat „Eine moderne Kreissäge pflege ichmit gleicher Hingabe wie die Hobel aus Japan“ WWW.HANDWERK.DE Johanna Röh, Tischlermeisterin @johanna_roeh Walz world wide. Ist das noch Handwerk? I n einer global vernetzten Welt gehört grenzüberschreitendes Arbeiten auch zum Handwerk. Nicht nur bei inter- nationalen Bauvorhaben ist deutsches Handwerk gefragt, Lebensmittelspezialitä- ten wie Bier, Stollen oder Wurst-Feinkost werden ebenso weltweit exportiert. Gut 50.000 Handwerksunternehmen verkau- fen ihre Leistungen ins Ausland. Auslandsaufenthalte und Bildungsrei- sen tragen aber auch dazu bei, dass inter- nationale Einflüsse ihren Weg ins deut- sche Handwerk finden. Arbeitseinsätze, ehrenamtliches Engagement, Auslands- praktika und -weiterbildungen oder Work Wer auf die Walz geht, folgt einer jahrhundertealten Tradition... … die eigentlich nichts anderes ist als das heute beliebte Work and Travel. Trends wie Internationalisierung undGlo- balisierung wurden auf der Walz in gewis- ser Weise schon gelebt, bevor sie modern wurden. Welches Land hat Sie am meisten ge- prägt? Die Zeit in Japan war am intensivsten. Sie hat mich am meisten gefordert. Auf- grund meiner westlichen Prägung fiel es mir anfangs schwer, das Systemaus Lehrer und Lernendem – Sensei und Deshi – zu verstehen. Diesen Austausch zuzulassen, der von Demut, gegenseitigem Respekt und viel Energie geprägt ist, hat mir viel gegeben. Hat Sie die Walz auf Ihre Selbststän- digkeit vorbereitet? Auf jeden Fall. Nach der Walz war für mich ganz klar: Ich will im Handwerk bleiben. Dann habe ich mir auch zuge- traut, selbstständig zu arbeiten, den Meis- ter und die Fortbildung zur Restauratorin im Tischlerhandwerk zu machen. Das al- les hat sich plötzlich so richtig angefühlt. Das Tischlerhandwerk: traditionell oder modern? Der Werkstoff Holz ist zeitlos. Seit Jahr- hunderten schaffen wir Dinge und For- men daraus. Welche Dinge und Formen, das hat sich verändert – das ist ein stän- diger Wandlungsprozess. Neue Techniken verändern natürlich das Gewerk. Was bedeutet Modernität im Hand- werk für Sie? Modernität heißt nicht Automatisie- rung. Ich gehöre nicht zu denen, die vor- schnell von neuer Technik begeistert sind. Für mich wird es in dem Moment span- nend, wenn ich alte und neue Techniken miteinander verbinden kann. Ich habe eine moderne Kreissäge, die ich mit gleicher Hingabe pflege wie die Hobel, die ich aus Japan mitgebracht habe. Das zusammen fühlt sich für mich zukunftsweisend an. Tischlermeisterin Johanna Röh war vier Jahre lang auf Walz. In jedem Ort lernte sie neue Holzbearbeitungstechniken und Materialien kennen. Kampagnenbotschafterin für das Handwerk im Jahr 2019: Tischlermeisterin Johanna Röh Johanna Röh (30) Die Tischlermeisterin und Res- tauratorin im Handwerk wohnt in Alfhausen (Niedersachsen). 2016 machte sie sich selbst- ständig – vorher war sie in elf Ländern auf der Walz. Instagram-Kanal: @johanna_roeh Steckbrief and Travel – es gibt viele Möglichkeiten Erfahrungen zu sammeln. Förderpro- gramme wie Berufsbildung ohne Grenzen oder das Leonardo Da Vinci Bildungspro- grammerleichtern jungenHandwerkerin- nen und Handwerkern den Schritt in die weite Welt. Auch die traditionelle Walz ist eine Option, um andere Regionen, Kulturen und neue Fertigkeiten kennen- zulernen. Laut Conföderation Europäi- scher Gesellenzünfte (CCEG) sind derzeit schätzungsweise 450 bis 550 deutsche Ge- sellinnen und Gesellen unterwegs. Johanna Röh war vier Jahre auf der Walz, um ihr Handwerk besser kennen- zulernen. Sie reiste, lernte und arbeitete unter anderem in Kanada, Neuseeland, Mexiko und Japan. Im Interview lässt sie ihre Wanderjahre noch einmal Revue passieren und erzählt, warum die Walz ein Muss für sie war und wie sie heute deutsches Handwerk mit internationalen Kenntnissen kombiniert.

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