BAD AACHEN 11/2026

4 | BAD AACHEN 11/26 STADTHISTORIE Seit 125 Jahren beherbergt die Villa Cassalette das Suermondt-Ludwig-Museum. Das prächtige Stadtpalais erzählt von Aachener Sammelleidenschaft, Mäzenatentum und wechselvoller Geschichte. Von Sabine Mathieu Tag für Tag rauschen auf der Wilhelmstraße tausende Fahrzeuge an einem der schönsten Bauwerke Aachens vorbei: dem Suermondt-Ludwig-Museum, der Villa Cassalette. Am 26. November 1901, vor 125 Jahren, eröffnete in der prächtigen Villa das Städtische Suermondt-Museum. „Dabei ist es im klassischen Sinn keine Villa“, erläutert Michael Rief, stellvertretender Direktor des Hauses. „Es handelt sich vielmehr um ein Stadtpalais.“ Das Kleinod wurde ab 1883 als Wohnhaus für die Familie des Kratzenfabrikanten Eduard Cassalette in Anlehnung an die Biblioteca Marciana in Venedig im Stil der Renaissance erbaut. Eduard Linse, Aachener Architekt des Historismus, übernahm den anspruchsvollen Auftrag. Ab 1884 begannen die Arbeiten am Rohbau, bezogen hat das Haus die Familie Cassalette wahrscheinlich schon vier Jahre später, obwohl sich die Fertigstellung des Innenausbaus noch bis 1891 hinzog. Architektonische Wunderkammer Viel Vergnügen hatte Bauherr Cassalette an seinem neuen Palazzo nicht: Seine Frau, Marie Cassalette, starb bereits 1888, er selbst folgte ihr 1891. Sie hinterließen fünf unmündige Kinder. Ins Stadtpalais zog deshalb der damalige Polizeipräsident Guido von MatuschkaGreiffenclau. Ab 1898 ging der Besitz im Rahmen einer öffentlichen Versteigerung an die Stadt Aachen über. Eduard Linse hat über das Haus einen kunstvollen Bildband erstellt, den man bei Gabriele Borsch, der Bibliothekarin des Museums, einsehen kann. „Hier kann man gut nachvollziehen, wie der Adel durch einen Industrieadel abgelöst wurde“, erzählt sie. Die Räume wurden wie in Schlössern von den besten Künstlern ihrer Zeit gestaltet. Bis heute erkennt man im Treppenhaus Reste von Wandbemalungen im pompejanischen Blickfang: Museum an der Wilhelmstraße. Foto: Christoph Hartmann KUNSTVOLLES FINDEN Das 125. Jubiläum ist ein guter Anlass, dem Suermondt-LudwigMuseum mal wieder einen Besuch abzustatten – zumal dort die nächste sehenswerte Ausstellung ansteht: Unter dem Titel Finderlohn. Schmuck. Skulptur. Raum. präsentiert das Museum vom 1. Dezember bis zum 7. Februar ausgewählte Arbeiten und Projekte des Aachener Künstlers Albert Sous (1935–2026). Der Goldschmied und Metallbildhauer experimentierte mit unterschiedlichsten Materialien und machte Gefundenes und Alltägliches zu Schmuck, Skulpturen und raumgreifenden Arbeiten. In Aachen ist Sous bis heute unter anderem durch den Kugelbrunnen in der Adalbertstraße präsent. Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 29. November, um 11 Uhr im Vortragssaal des Hauses. Passend dazu plant auch die bekannte Aachener Galerie Am Elisengarten eine Ausstellung mit Werken von Albert Sous. www.suermondt-ludwig-museum.de Ein Haus voller Schätze Stil. Man gab sich gerne weltgewandt und gebildet. Die Räume der Bibliothek und der darüber liegenden Wunderkammer spiegeln die prächtigen alten Zeiten wider. Sogar Kaiser Wilhelm II. warb die damaligen Stuckmeister für seine eigenen Bauprojekte ab. Die Stadt Aachen kaufte das Palais, um Platz für ihre umfangreiche Kunstsammlung zu bekommen, die ihr maßgeblich vom Aachener Industriellen Barthold Suermondt geschenkt worden war. Die Sammlung Suermondt bildet bis heute die Basis für den Bestand des Museums. Durch zahlreiche Schenkungen, Neuerwerbungen und Dauerleihgaben ist das Haus heute zu einem Spiegel der Sammel- leidenschaft der Aachener Familien geworden. „Wir haben aus jedem Dorf einen Hund“, so bringt es Michael Rief schmunzelnd auf den Punkt. „Es ist unglaublich, was die Aachener so alles gesammelt haben, sogar Knäufe von Samuraischwertern. Zurzeit inventarisiere ich eine riesige Sammlung von Besteck. Spannend, was man da alles entdecken kann. Wir hüten historische und kunstgeschichtliche Objekte, die man vielleicht auch gar nicht mehr haben will.“ Kuratorin Wibke Birth freut sich, dass es „bis heute Tradition hat, Kunst an das Museum zu verschenken. Wir sammeln für die Ewigkeit, bei uns im Museum wird die Kunst bewahrt und darf auch nicht verkauft werden. So ist bei uns alles erstmal gut aufgehoben, auch wenn nicht alles sofort erforscht werden kann. Es ist dennoch ein tröstlicher Gedanke, dass sich in 20, 40 oder 100 Jahren der Nächste darum kümmern wird. Was wir heute nicht schaffen, machen unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger. Dadurch hat alles eine lange Kontinuität.“ Nachdem das Gebäude um einen zweigeschossigen Trakt und das prächtige neobarocke Treppenhaus zum Garten hin erweitert Villa anno dazumal Foto: Sabine Mathieu

RkJQdWJsaXNoZXIy MTM5Mjg=